Fakten zur Vogelgrippe    
     

Mit dem Auftreten der Geflügelpest – jetzt besser unter „Vogelgrippe“ bekannt – in Österreich im heurigen Februar ist die schon im letzten Herbst emotional geführte Diskussion um Gefährlichkeit und Bedeutung dieser Vogelkrankheit neu aufgeflammt. Auch der Verein AURING wird immer wieder befragt, welches Risiko für den Menschen durch die Vogelgrippe besteht. Da in den Medien vor allem Veterinäre und Politiker, jedoch nur selten auch Ornithologen zu Wort kommen, möchten wir zu diesem wichtigen Thema die derzeit bekannten Fakten und Erkenntnisse aus Sicht der Vogelkunde darstellen. Wir hoffen, dass wir damit zur Versachlichung der Diskussion beitragen können.

Die wichtigsten Punkte:

  • Vogelgrippe ist eine Viruserkrankung, die Vögel befällt und für bestimmte Gruppen (vor allem Hausgeflügel wie Hühner) eine hohe Sterblichkeit bedingt. Sie ist seit Jahrzehnten bekannt und es kam auch in Österreich bereits in früheren Jahren immer wieder zu Ausbrüchen bei Wildvögeln. Der derzeit bekannteste Typ H5N1 wurde erstmals 1997 nachgewiesen. Der Infektionsweg erfolgt vorwiegend über den Kot, der für eine Ansteckung aufgenommen oder eingeatmet werden muss.
  • Menschen wurden bisher ausschließlich durch engen Kontakt mit Hausgeflügel infiziert. Betroffen sind vor allem Arbeiter in Geflügelfarmen und auf Geflügelmärkten in Ostasien. Der einzige Fall in Europa betrifft einen Tierarzt in den Niederlanden, der im Jahr 2003 am Virustyp H7N7 starb. Die befürchtete Entstehung einer pandemisch wirkenden Virus-Mutante, die von Mensch zu Mensch übertragen werden kann, ist möglich aber derzeit rein spekulativ.
  • Eine Ansteckung durch Vogelbeobachtung ist praktisch nicht möglich. Daher führt der Verein AURING sein Exkursionsprogramm im gewohnten Maß weiter. An unserer Beringungsstation wird die Beringung von Risikogruppen (v. a. Wasservögel) nicht durchgeführt. Geeignete Hygienemaßnahmen verhindern die sehr unwahrscheinliche Ansteckung über die bei uns vorwiegend beringten Singvögel.

Zum Thema Vogelgrippe gibt es einige empfehlenswerte Informationsquellen, deren wichtigste Aussendungen hier zum Herunterladen bereitstehen. Die Vogelwarte Radolfzell in Süddeutschland, die auch unsere Vogelberingung betreut, befasst sich intensiv mit den Zusammenhängen zwischen Vogelzug und Vogelgrippe sowie dem Risiko für Beringer. Eine grundlegende Arbeit wurde in der Zeitschrift Vogelwarte publiziert, auf der Homepage sind zahlreiche Hinweise, etwa zum Vogelzug oder zum Risiko bei Vogelfütterung etc. zu finden.

Aussendungen der Vogelwarte Radolfzell (pdf-Format):

Vogelgrippe und Vögel im heimischen Garten
Informationen zur Vogelfütterung
Hintergrundinformationen zur Vogelgrippe und Hinweise für Vogelkundler


In Österreich ist die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit für die Diagnose von Vogelgrippe zuständig. Ihre Aussendungen fassen die Problematik gut zusammen und enthalten auch den aktuellen Stand der Verbreitung des Viruses in Österreich.

 
     

Der Verein AURING konnte sich im Rahmen des SEEN-Meetings in Prag Anfang Februar mit Ornithologen aus weiten Teilen Europas über die Vogelgrippe absprechen. Der bekannte Veterinärmediziner Zdenek Hubálek präsentierte uns dabei auch den neuesten Stand der Erkenntnisse. Durch die in enger Kooperation mit BirdLife durchgeführte Sammlung von Ringfunden wissen wir bei manchen Arten (z. B. Höckerschwan) gut über die Zugwege und den zeitlichen Verlauf des Vogelzuges Bescheid.

Aus den vorangenannten Quellen möchten wir eine Zusammenfassung der aktuell bekannten Fakten rund um die Vogelgrippe und die Bedeutung von Zugvögeln geben.

Die Vogelgrippe (Abkürzung AI für Aviäre Influenza) umfasst Krankheitsbilder, die von Influenzaviren ausgelöst werden, die bei Vögeln im Darm oder anderen Schleimhäuten leben. Die Vogelgrippe besitzt eine weite Verbreitung unter Wildvögeln, wo sie in einer „niederpathogenen“ Form („NPAI“) lange im Vogel vorkommen kann, ohne als tödliche Krankheit auszubrechen. Die Mutation zur „hochpathogenen“ Form („HPAI“) geschieht vor allem in der Massentierhaltung von Hausgeflügeln, wo Haltungsbedingungen und enger Kontakt der Vögel zu einer starken Ausbreitung dieser nun meist tödlich verlaufenden Variante führt. Sekundär kann diese hochpathogene Form wieder auf Wildvögel übertragen werden.

Die Bezeichnung der verschiedenen Virustypen erfolgt nach den Ausprägungen zweier Eiweißstoffe auf der Virenoberfläche (H – Hämagglutinin und N – Neuraminidase). Die Typen mit den Kombinationen von H5 (wie derzeit aktuell H5N1) bzw. H7 (wie der Geflügelpest-Erreger H7N7 in Europa im Jahr 2003) können bei Hausgeflügel die Geflügelpest auslösen. Ausbrüche von Geflügelpest dieser Virentypen sind seit den 1950er Jahren bekannt, der letzte große Ausbruch in Europa erfolgte 2003 durch den Typ H7N7, dem große Mengen an Geflügel und auch ein Mensch zum Opfer fielen. Der derzeit in Asien und Europa auftretende Virentyp H5N1 wurde erstmals 1997 bei Hausgeflügel in Hongkong nachgewiesen.

Der Infektionsweg verläuft ganz überwiegend über den Kot des infizierten Vogels. Unter beengten Verhältnissen – wie etwa in der Massentierhaltung – können auch Sekrete der Atemwege das Virus verbreiten. Wildvögel können Geflügelbestände somit durch Abgabe von Kot in den Gehegen oder bei gemeinsamen Auftreten an günstigen Stellen im Freiland (z. B. an Teichen) infizieren. Wildvögel können wiederum durch auf Felder oder in Gewässer abgegebenen Kot (im Zuge von Düngung oder Abwässern) das Virus von infiziertem Hausgeflügel erhalten. In sehr seltenen Fällen können auch Säugetiere (z. B. Schweine) und der Mensch von der Vogelgrippe befallen werden. Dazu ist ein sehr enger, anhaltender Kontakt mit den Ausscheidungsprodukten infizierter Vögel oder der Verzehr von rohem oder unzureichend gekochtem Vogelfleisch notwendig. Die Erreger können in feucht-kühler Umgebung etwa drei Wochen lang aktiv bleiben. Bei höheren Temperaturen und in trockenem Umfeld stirbt das Virus rasch ab. Dadurch sind Ausbrüche der Vogelgrippe vor allem im Winterhalbjahr zu beobachten.

Der aktuelle Ausbruch der Vogelgrippe des Typs H5N1 setzte 1997 im südöstlichen China ein. Erst ab 2003 kam es jedoch zu einer Reihe gravierender Ausbrüche in Geflügelhaltungen. Ab 2005 wurde die Krankheit in der Mongolei, Kasachstan sowie einigen Provinzen Russlands und ab dem Herbst 2005 auch in der Türkei sowie in Europa am Schwarzen Meer und in Kroatien nachgewiesen. 

Mit dem ersten Auffinden von toten Höckerschwänen an der Mur bei Mellach sowie an der Donau bei Wien erreichte dieser Ausbruch im Februar 2006 auch Österreich. Auch bei einer „Wildente“ (wohl Stockente) wurde das Virus nachgewiesen. Bereits aus früheren Jahren waren Ausbrüche der Geflügelpest an Wildvögeln in Österreich bekannt, die Opferzahlen dabei auch deutlich höher. Das Auftauchen infizierter Vögel ist daher nicht überraschend.

   
     

Das Zugverhalten der Höckerschwäne in Österreich ist durch intensive Ablesungen beringter Vögel durch Ornithologen von BirdLife gut bekannt. Wie die beiliegende Ringfundkarte belegt, kommen die in Österreich überwinternden Höckerschwäne aus einem gut abgegrenzten Bereich Nordosteuropas vom östlichsten Deutschland über Tschechien und Südpolen bis Westungarn. Nur in Härtewintern (wie heuer) kommen auch Schwäne aus weiter entfernten Gebieten bis Weißrussland zu uns. Manche Schwäne ziehen im Laufe des Winters weiter bis Slowenien und gar Kroatien. Für das in der aktuellen Diskussion vorgebrachte Szenario, die Schwäne hätten das Virus vom Schwarzen Meer oder Italien zu uns gebracht, gibt es keinerlei Hinweise. Der Großteil der Schwäne (und wahrscheinlich auch der Todesfall in Wien) sind seit Mitte Dezember durchgehend im Gebiet anwesend. Auch konnte über den Februar witterungsbedingt kaum Zuzug „neuer“ Schwäne dokumentiert werden. Der Rückzug setzt erst mit dem Beginn frühlingshafter Bedingungen ein.

Der Ausbruch der Vogelgrippe an Schwänen fällt mit dem Winterende mit einer Zeit zusammen, in der die Konstitution der Vögel nach einem harten Winter schwach ist. Tote Höckerschwäne sind im Februar daher kein seltener Anblick. Wie das Virus in die Wasservogelbestände bei Wien und Mellach eingedrungen ist, kann derzeit nicht sicher geklärt werden. Möglich erscheint, dass die lange verweilenden Höckerschwäne oder andere Wintergäste das Virus in der niederpathogenen Form eingebracht haben und dieses hier unter der sehr beengten Situation an einer Winterfutterstelle zum hochpathogenen Virus mutierte.

Personen, die etwa beruflich engen Kontakt mit Vögeln haben, sollten zur Vorbeugung gegen eine Infektion mit der Vogelgrippe vor allem folgende Punkte beachten:

  • Entscheidende Maßnahme ist eine ausreichende Handhygiene nach dem Kontakt mit Vögeln oder Vogelkot. Gründliches Händewaschen ist daher eine wichtige Schutzmaßnahme.
  • Nach intensivem Kontakt mit Vögeln (auch Hausgeflügel) sollte auch die Kleidung gewechselt und gewaschen werden.
  • Auf eine strikte Trennung zwischen Ess- und Wohnraum sowie Räumlichkeiten mit Vögeln, die infiziert sein können, ist zu achten.
  • Tote Wasservögel sollten nicht mit der bloßen Hand untersucht oder fortgetragen werden.

Die Beobachtung freilebender Wildvögel ist völlig unbedenklich, eine Ansteckung kann nicht erfolgen. Auch die Fütterung von Vögeln ist unbedenklich, solange – vor allem bei der Fütterung von Wasservögeln – ein intensiver Kontakt mit Kot vermieden wird. Singvögel sind bisher als Vogelgrippe-Opfer nur ausnahmsweise nachgewiesen worden, meist in unmittelbarer Nähe verseuchter Geflügelhaltungen in Südostasien. Auch Untersuchungen der AGES an 350 Singvögeln der Beringungsstation Ringelsdorf im Jahr 2003 erbrachten keinen Nachweis der Vogelgrippe. Daher geht auch von den in Gärten oder am Haus brütenden Vögeln keine Gefahr aus. Die Befürchtung, dass hochpathogene Vogelgrippe-Viren durch Weißstörche eingeschleppt werden, die auf Gebäuden brüten, ist ebenfalls ungerechtfertigt. Es gibt keine Hinweise darauf, dass gesunde, mit der Brut beschäftigte Vögel Träger der hochpathogenen Vogelgrippe sein können. Auch ist der H5N1-Virus beim Weißstorch noch nie nachgewiesen worden.

Die Vogelgrippe richtet vor allem in Geflügelhaltungen großen wirtschaftlichen Schaden an und kann in manchen Fällen – wie etwa am Quinghaihu-See in China – auch die Bestände mancher Wildvögel drastisch reduzieren. Für den Menschen besteht vor allem unter den europäischen Lebensbedingungen nur eine extrem geringe Gefahr, sich mit Vogelgrippe anzustecken. Die Ausbreitung dieser Krankheit sollte mit dem nötigen Ernst verfolgt und Maßnahmen zur Eindämmung ergriffen werden. Unüberlegte Hysterie, die Menschen in Angst versetzt und Vögel als Gefahr abstempelt, ist jedoch nicht angebracht.

Zusammenstellung:
D.I. Thomas Zuna-Kratky
e-mail: vogelkunde@auring.at

 
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